Liebe Freunde des klassischen Gesanges,

viele von meinen Schülern, Bekannten und klassischen Gesangsliebhabern bitten mich häufig, die Methode, die ich im Gesang und im Unterricht mit meinen Schülern verwende, zu beschreiben.

Selbstverständlich ist es unmöglich, alles in einem Artikel zu beschreiben. Selbst dann, wenn jemand tausend ähnliche Artikel oder Bücher lesen würde, muss ernsthaft bezweifelt werden, dass er ohne ständigen Kontakt mit einem Pädagogen wirklich zufrieden stellende Ergebnisse erreichen könnte, weil die Beschreibung des Gesanges so kompliziert ist.

Von diesem Artikel erhoffe ich mir lediglich, dass er den an Gesang interessierten Personen helfen wird, meine Methodik des Gesanges besser zu verstehen und dadurch vielleicht nebenbei auch zusätzlich  etwas Interessantes und Neues für sich zu entdecken.

Um Sie nicht zu langweilen, werde ich mich bemühen, meine Methode möglichst kurz und präzise zu beschreiben. Sie basiert einerseits auf eigener Erfahrung und andererseits auf der  meiner Pädagogen. Wir haben in Italien studiert  und sind auf die eine oder andere Art mit Italien verbunden.  Aus diesem Grund war der Einfluss der italienischen Schule des Gesanges auf mich sehr groß.

 

Die Methoden des Gesanges und der Vokalpädagogik sind zahlreich und vielfältig.

Meine Methodik der Ausbildung der Stimme oder der Stimmbildung als solche kann man in einige Verfahrensgruppen unterteilen, die untereinander in enger Verbindung bestehen, einander ergänzen und verstärken.

Die erste Gruppe umfasst die Verfahren, die dem Schüler bestimmte Muskelbewegungen und Techniken beibringen, die eine bestimmte Einwirkung auf die Gesangstonbildung ausüben. Dazu gehört auch die Form des Mundes, Lage des Kehlkopfes, der Zunge und des weichen Gaumens, sowie die Lage des Brustkorbs, der Typ der Atmung usw.

In der zweiten Gruppe befinden sich die  Verfahren, die unmittelbar auf das Timbre und auf die Vokalfärbung wirken. Die Veränderung der Vokalfärbung in die eine oder andere Richtung entspricht der Veränderung der Mund- und Pharynxhöhle und  die Veränderung des Regimes der Schwingung derjenigen der Stimmbänder.

Zu  der dritten Gruppe gehören die Verfahren, die mit den inneren Empfindungen des Sängers verbunden sind. Je nach Lage der seelischen Verfassung verändert sich auch die Vokaltechnik entsprechend.

Die vierte Gruppe der Verfahren verwendet die inneren willensstarken Befehle, die die erwünschte Ausdrucksfähigkeit schaffen. Der emotionale Zustand, der in der Folge entsteht, lässt bei dem Sänger die notwendigen Muskelanlagen, die Form des Mundes, die Lage des Kehlkopfes, die Färbung und die Kraft des Tones entstehen.

Ich habe die Anordnung der  o.g. vier Gruppen nach Wichtigkeit und Bedeutung der Gesangsmethodik vorgenommen. Das gewünschte Ergebnis kann nicht mit einer einzigen der vorgenannten Gruppen erzielt werden; vielmehr ist die Symbiose der Methoden unter ständiger Kontrolle eines Pädagogen unverzichtbar.

Jetzt möchte ich kurz die für jede Gruppe charakterischen Hauptbestandteile untersuchen:

1.

Die Atmung ist eine der Hauptbestandteile des Gesangsprozesses. Ich werde die besondere Atemtechnik beim Gesang untersuchen, die manchmal als "Gesang mit Stütze" bezeichnet wird. Die Entdeckung dieser Gesangsart gehört den Italienern des 19ten Jahrhunderts. Der Sänger atmet stark und kurz in einem Atemzug tief in das Zwerchfell, wobei gleichzeitig der untere Teil der Rippen seitlich auseinandergezogen wird. Dadurch richtet sich das Zwerchfell automatisch auf. Der Brustkorb befindet sich dabei im Zustand der Ruhe und in der hohen Position. Nach kaum hörbarer Pause schließt der Sänger die Stimmbänder ("Tonattacke“ oder „Tonangriff ") und schlägt den gewünschten Ton an. Während der Dauer des Gesanges ist es erforderlich, die Position des Atemzuges (Zwerchfell und Rippen) und die hohe Position des Brustkorbes zu halten. Die Unterstützung des Drucks unter den Stimmbändern während des Gesanges erfolgt durch die Rückkehr des Zwerchfelles und der Rippen in ihre natürliche Lage. Sobald Rippen und Brustkorb beginnen zu fallen, verliert der Ton seine Stabilität bzw. Unterstützung und der Sänger beendet den Gesang. Der Prozess wiederholt sich laufend.

In diesem Zusammenhang, ist das Training der Atemmuskulatur sehr wichtig, obwohl dies keine einfache Aufgabe während der Ausbildung ist.

Die Nutzung der Atemstütze erlaubt die gleichmäßige Kontrolle des Ausatmens, einen standfesten Druck unter den Stimmbänder herbeizuführen und die Lage des Kehlkopfes unbewusst tief abzusenken, was wohl als Schlüssel der Vokaltechnik anzusehen ist.

Der Aufstieg des Kehlkopfes ruft die Kompression und die wesentliche Verkleinerung des Umfanges des Pharynx hervor. Die meist kräftigen und timbrereichsten Stimmen, die ich jemals gehört habe, nutzten niedrige oder sogar sehr niedrige Kehlkopfpositionen. Es ermöglicht die niedrige Lage des Kehlkopfes die tiefe und dichte Arbeit an den Stimmbändern und vergrößert die Fläche des Kontaktes zwischen den Stimmbändern.

Ich empfehle den Sängern, die Elastizität der Muskeln, die den Kehlkopf heben und senken, zu entwickeln. Die Elastizität der Muskeln erlaubt den Kehlkopf für einen langen Ton zu senken und den Kehlkopf zu heben, wenn es die Artikulation erfordert. Eine der Methoden, die Senkung des Kehlkopfes und die Erweiterung der Kehle zu erreichen, ist die Nutzung der verdeckten „Gähnstellung“. Das Gähnen erlaubt auch, das richtige Singrohr zu formen: die Zunge flach zu senken, den weichen Gaumen zu heben, das Zäpfchen hoch zu drücken und die Lippen in die senkrechte Lage zu bringen. Das Formen des mund-pharyngealen  Stimmrohrs kann man z.B. mit Hilfe des Spiegels kontrollieren.

Die Bildung des richtigen mund-pharyngealen  Stimmrohrs ist auch für das Erreichen der starken Impedanz (hoher Widerstand der Luft an den oberen Stimmbändern) sehr wichtig. Die besten Bedingungen für Phonation und  Bildung des Tones mit großer Intensität sind dann gegeben, wenn im oberen Bereich der Stimmbänder ein großer Luftwiderstand entsteht, der die Stimmbänder durchläuft.

Die alten italienischen Pädagogen machten das einfache Experiment mit einer Kerze, mit deren Hilfe sie prüfen konnten, ob der Gesangsapparat richtig funktioniert. Die Flamme der Kerze, die in kurzem Abstand vor dem Mund des Sängers gehalten wurde, durfte nicht flackern.

Die Impedanz ist auch ein sehr wirksamer Schutz des Kehlkopfes. Wenn die Impedanz viel zu klein ist, nimmt der Luftverbrauch  durch die Stimmbänder zu und der Kehlkopf reagiert darauf mit starker Kompression. Die Arbeit der Stimmbänder wird mit der Vergrößerung der Impedanz erleichtert. Die Fähigkeit, die starke Impedanz zu unterstützen, ist sehr wichtig für die Vokaltechnik des Sängers.

Man sollte nach einer schnellen automatischen Bildung der Stimmakustik streben, da die Konsonanzartikulation immer die Stimmakustik zerstört und es ist erforderlich, sehr schnell zu dem ursprünglichen Zustand zurück zu gelangen.

Die Prinzipien der unmittelbaren Wirkung auf die Muskelbewegungen und Formung des mund-pharyngealen  Stimmrohres, der Kehle, des Kehlkopfes usw. sind sehr wichtig, aber nicht ausreichend. Sie können sich in Kombination mit den noch feineren und vielfältigeren Methoden der Formung des Stimmrohres und der Bildung der Stimme weitaus effektiver erweisen.

2.

Eine der Einwirkungsmöglichkeiten auf das Timbre ist die richtige Nutzung von den Vokalen auf die Komponenten des Gesangsspektrums, die die Schönheit, Dichte, Kraft und Glanz der Stimme bestimmen. Das Ziel ist - den notwendigen Tonus des Kehlkopfes und die entsprechende Abstimmung des mund-pharyngealen  Stimmrohres nicht mittels der Muskelanlagen und Formen des Stimmapparates, sondern mit Hilfe der Hinweise, die die Qualität des Tones und die Vokalfärbung herbeirufen, zu beeinflussen.

Auf einigen, in der Regel hellen Vokalen, steigt der Kehlkopf manchmal viel zu schnell nach oben. Dann sollte man seinen Aufstieg bremsen, in dem man das Timbre des betreffenden Vokals langsam in aufsteigender Gamma zum Timbre des benachbarten Vokals annähert, bei der die Lage der Kehle niedriger ist.

Mit anderen Worten: bei der geringsten Veränderung der Form der Resonanzräume (Höhlen) verschwindet ggf. die nötige Resonanz.  Man sollte dann den benachbarten Vokal suchen, der dunkler ist, damit der Resonanzraum sich auf die nächst untere Harmonika stimmen kann.

Diese Art des „Vokalausgleichs“ erlaubt auch die Senkung des Kehlkopfes, die Erweiterung der Kehle, die Verstärkungen der Impedanz, die Verdickung der Stimmbänder und somit auch die Vergrößerung des Kontaktes zwischen diesen zur Zeit des Tonanschlages. Die Vergrößerung des Umfanges und der Timbresättigungsgrades der Stimme wird hiermit ebenfalls erreicht.

Die Anwendung dieser Methode erfordert das Vorhandensein eines sehr guten Gehörs in Bezug auf den Klang des Gesanges.

3.

Während des Gesanges entstehen gewisse innere physiologische Empfindungen im Stimmapparat des Sängers, die man beschreiben und ziemlich genau lokalisieren kann. Diese Empfindungen ändern sich entsprechend der Technik des Sängers und sind sehr individuell. Sie erlauben ihm, die Stimme zu überwachen und nach Veränderung der Vokaltechnik zu streben.

Nicht alle Empfindungen sind für die Herstellung der notwendigen Technik verwendbar. Einige von ihnen haben einen zerstreuten Charakter; andere werden zu schwach wahrgenommen, um verwendbar zu sein.

Ich möchte nachfolgend ausschließlich solche Empfindungen untersuchen, die man lokalisieren kann:

Die Empfindungen des oberen Gaumens.

Bei richtiger Gesangstechnik mit großer Leistung (unerheblich mit welchem Vokal und in welcher Tonhöhe), ist es einfach, die Empfindung des Intensitätsmaximums  in ein und dem selben Punkt  im Bereich des oberen Gaumens hinter den oberen Schneidezähnen zu finden. Wenn man diesen Punkt gefunden hat und gut fühlen kann, sollte man sich bemühen, diesen Punkt während des Gesanges - unabhängig vom Gesang auf fortissimo oder pianissimo – fest zu halten.

Noch eine Gruppe der Empfindungen: die Gesichtsempfindungen des vibrierenden Charakters, des sogenannten oberen Resonators. Er besteht aus den Vorderhöhlen des Schädels und erlaubt dem Sänger,  den Glanz und den Schall der Stimme zu erreichen. Die Empfindungen der Vibration im Bereich des Mundes und der Lippen (die Vibrationen des mittleren Resonators, der  hauptsächlich für die Form des Tones verantwortlich ist) und auch des Brustkorbs („untere Resonator“, der für die Schönheit der Stimme, ihr „Timbre“ verantwortlich ist)

Im Idealfall sollte man die Vibration der oberen, mittleren und unteren Resonatoren gleichzeitig empfinden und auch den Gesang mit Hilfe des Resonanzpunktes auf dem Gebiet des oberen Gaumens im Bereich der oberen Schneidezähne kontrollieren.

Die Methoden, die auf der persönlichen Einschätzung der eigenen Empfindungen beruhen, erfordern ziemlich viel  Zeit und aufmerksame Selbstbeobachtung. Wie die Praxis zeigt, ist  der Sänger erst nach Ablauf von ca. vier bis fünf Jahren der intensiven Ausbildung in der Lage, diese Empfindungen erfolgversprechend selbst anzuwenden und zu bewerten.

4.

Die letzte Gruppe der Verfahren,  die im Laufe der Stimmbildung verwendet werden kann, ist jene, welche die emotionale Einstellung des Sängers benutzt.

Der Sänger soll bei sich selbst so einen inneren emotionalen Zustand herbeirufen, der imstande ist, die erwünschte Verfärbung des Tones herbeizuführen.

In Erinnerung an meine Erfahrungen gab es Momente als ich aus dem einen oder anderen Grund „nicht bei Stimme“ war und der obere Tonklang nicht die notwendige Kraft und den erwünschten Glanz fand. Ich wurde bewusst zornig, um mit Hilfe dieses Affektes das Timbre und die Kraft der Stimme wieder herzustellen.

Das ist eines der Beispiele der psychischen Aktivierung der Stimme, der die Aktivierung von Atmung und Abschwächung des Stimmapparates ermöglichte. Natürlich müsste man dieses Verfahren als Ergänzung und nicht als Hauptmethode betrachten.

Abschließend möchte ich erneut darauf hinweisen, dass die Nutzung der vorgenannten Verfahren ohne Zuhilfenahme eines Pädagogen nicht sinnvoll erscheint, weil nur dieser imstande ist, die Leistungen im Rahmen einer Gesangsausbildung adäquat zu bewerten und insbesondere dem Schüler solche Timbren und Formungen der Töne anzueignen, die nach seiner Meinung im jeweiligen Einzelfall notwendig sind.

Es ist notwendig, das richtige Timbregehör bei dem Sänger auszubilden, das diesem auch bei dessen selbstständiger Arbeit und Gesangskarriere äußerst nützlich sein wird. Gewöhnt an dieses Timbre und diese Form der Tongebung, wird der Sänger mit den entsprechenden Techniken den erforderlichen Mechanismus in Bewegung bringen.

Jacob Rosenberg,

Opernsänger

Copyright © 2006 Jacob Rosenberg. Alle Rechte vorbehalten.

 

Zurück     English     Français     Links     Contact
This page was created by United Arts Agency and last updated November 1, 2006. All rights reserved